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Inhalt
Aus Valeries Tagebuch
Ein junges Paar vor einem Kino
Die Regisseurin über ihren Film
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Inhalt
Berlin, Sommer. Zwei Freundinnen in einem Cafe. Valerie ist gerade umgezogen,
Sophie wird für sechs Monate nach Rom gehen.
Ereignisse, Begegnungen und Beziehungen, Momente eines halben Jahres.
Aus Valeries Tagebuch
1. Juni
Ich bin umgezogen. Die Wohnung liegt im Tiergarten und gehört Marie.
Sie wohnt hier mit ihrer neunjährigen Tochter. Marie ist nett, aber
ziemlich distanziert. Egal. Das Zimmer hat einen schönen Balkon,
den sie ein bißchen chaotisch bepflanzt hat. Die Sonne scheint rein,
ich trinke Wasser und rauche.
Hab mich mit Sophie getroffen. Es hat geklappt mit Rom, sie wird für
ein halbes Jahr weg sein. Sie freut sich und stellt sich vor, wie sich
ihr Leben jetzt völlig verändern wird. Sie hat geredet wie ein
Buch, aber das macht sie ja meistens. Bestimmt wird sie mir fehlen. Alle
möglichen Leute sind weg in diesem Sommer.
4. Juli
Ich war essen mit Marie und ihrem Mann (der Claras Vater ist, aber nicht
hier wohnt) und ihrem Bruder. Der Bruder heißt Thomas und sieht
gut aus. Er redet aber nichts, oder jedenfalls wenig, was es ein bißchen
anstrengend gemacht hat. Er ist geschieden und Photograf und Journalist,
genau hab ich es nicht verstanden. Ich hätte ihn fragen sollen, aber
er machte den Eindruck, als hätte er keine Lust, von sich zu reden.
Dafür hab ich irgendwann geredet, ich hab lang und breit erklärt,
dass ich nicht gern in Ferien fahre, und warum, und danach dachte ich,
warum redest du überhaupt, schweigen ist besser. Es war, weil ich
wollte, dass sie mich mögen und sich für mich interessieren,
aber wenn ich geschwiegen hätte, hätten sie mich wahrscheinlich
interessanter gefunden, Thomas jedenfalls.
18. Juli
Ich gehe morgen mit Thomas in die Gemäldegalerie, und zwar mittags
um zwölf. Vielleicht geh ich vorher schwimmen oder joggen oder irgendwas,
damit ich nicht nur rumsitze und warte. Ich hab gesagt, mir wäre
elf lieber, aber er meinte, das schafft er nicht.
Also zwölf, und das ist auch günstig, weil wir danach bestimmt
Hunger haben und vielleicht im Schatten unter einem Baum sitzen und was
essen. Wenn er nichts Besseres vorhat. Ich weiß ja nicht, was er
so macht den ganzen Tag. Wahrscheinlich irgendwelche wichtigen Dinge,
von denen ich keine Ahnung habe.
2. August
Thomas ist in Paris wegen einem Interview. Ich war zweieinhalb Stunden
im Copyshop wegen der Dan-Graham-Photos. Ich habe einen neuen Titel für
die Arbeit: 'Zwischen Gebäuden'. Schreibe halbwegs regelmäßig,
bin glücklich, obwohl alles noch unfertig ist. Ich müßte
eine Form finden, die begreiflich macht, dass es für mich nicht abgeschlossen
ist, also gar nicht abgeschlossen werden kann, eben eine offene und trotzdem
klare Form. Also wie aufhören, ohne aufzuhören... vielleicht
ist das doch alles zu groß für mich. Vielleicht ist das Ende
auch woanders. Jedenfalls arbeite ich. Thomas kommt wahrscheinlich morgen
zurück, spätestens übermorgen.
21 . August
Marie ist schwanger. Thomas und ich haben die drei vom Flughafen abgeholt,
und Alexander hat es gleich erzählt. Die Stimmung war aber nicht
gut. Vielleicht will Marie kein zweites Kind. Alexander will es, glaub
ich, schon, wobei ich natürlich die letzte wäre, mit der er
darüber spricht. Ich weiß auch gar nicht, was die beiden über
Thomas und mich denken. Sie tun jedenfalls so, als ob es selbstverständlich
wäre, dass wir jetzt ein Paar sind. Ist es vielleicht auch, nur mir
erscheint es wie ein Wunder.
11. September
Ich sitze in Bens Wohnung. Es ist Nacht und ich bin allein, Ben
schläft bei seiner Freundin. Bin sofort hergefahren, nachdem sein
Fax gekommen war. Wir haben uns im Krankenhaus getroffen, es ist das gleiche
Krankenhaus, in dem sie mir den Blinddarm rausgenommen haben, aber innen
hab ich es kaum wiedererkannt.
Papa hab ich auch kaum wiedererkannt.
Der Arzt, der ungefähr so alt war wie ich, sagte, dass es ein sehr
schwerer Schlaganfall war. Ich glaube, dass er sterben wird. Ich hab ihn
gesehen und angefangen zu heulen, und konnte nicht mehr aufhören.
Eine Schwester kam rein, und fragte erschrocken, was los sei. Ich sagte,
nichts. Er griff nach ihrer Hand, so wie er nach meiner Hand gegriffen
hat, er hat nach jeder Hand gegriffen, die in seine Nähe kam. Deswegen
weiß ich nicht mal, ob er mich erkannt hat, ich glaube aber schon.
Ich kann gar nicht anders, als das glauben.
Ich muß mich mit Margit treffen und ihr sagen, was passiert ist.
1 5. September
Arme Margit.
3. Oktober
Er wird sterben, aber eigentlich lebt er jetzt schon nicht mehr.
Vielleicht kann er noch denken, aber man weiß nicht was. Nicht reden,
nicht schreiben, nicht lesen, nicht gehen. Als ich ihn so gesehen hab,
hätte ich ihm alles verziehen, wirklich alles. Aber es gibt ja gar
nichts zu verzeihen. Es gibt nichts mehr von Bedeutung angesichts seiner
Krankheit.
Er ist seit einer Woche in einem Pflegeheim. Er hätte das verachtet.
Ich hab Angst, dass er sich verachtet, in diesem Zustand.
Hab, zwei Tage nachdem ich wieder hier war, einen Termin bei Rehwald bekommen.
Er hat 'Zwischen Gebäuden' gelesen und abgelehnt. Ich soll es überarbeiten.
Ich weiß nicht, ob er nichts verstanden hat oder ob ich nichts verstehe.
25. Oktober
Wir waren auf Marias Hochzeit, Marie, Alexander, Thomas und ich.
Wir waren die ältesten, sonst lauter ganz junge Leute, Maria ist
ja auch erst einundzwanzig. Es war schön, wir haben getanzt, und
es war vor allem deswegen schön, weil Maria mit ihrem Josef so glücklich
war, sie war ganz still vor Glück und leicht wie eine Feder. Das
hat sich auf uns alle übertragen, uns war auch leicht.
Es fand alles in einem kleinen Pavillon im Friedrichshain statt, die Sonne
schien, und die ersten Blätter fielen, es war aber nicht das Ende,
sondern der Anfang von allem. Es spielte eine Band, und ich hab sogar
mit Alexander getanzt, obwohl er immer so leicht spöttisch mir gegenüber
bleibt. Aber er ist eben so ein Mensch. Sonst hab ich die ganze Zeit mit
Thomas getanzt, und zwischendurch hab ich ihn nach ein paar Gläsern
Sekt nach seiner Ehe gefragt. Aber seine Ehe ist vorbei, und man muß
nicht über alles reden. An schönsten sah Marie aus.
Von der Band kauf ich mir morgen eine CD.
1 . Dezember
Mein Vater ist tot.
Ich hab bei der Trauerfeier eine Rede gehalten. Ich hab gesagt, dass er
die Frauen geliebt hat, und die Frauen haben ihn geliebt, das war das
wichtigste. Und dass ihn seine Krankheit nicht interessiert hat, seinen
kranken Körper fand er nicht mehr interessant. Deswegen ist es ja
auch gut so. Es waren sowieso nur sehr wenige Leute da. Und er war ja
auch nicht mehr da, ich hatte den Eindruck, er war schon lange weg.
Ein junges Paar vor einem Kino
der junge Mann
Hast du eine Waschmaschine?
das junge Mädchen
Ja, willst du bei mir waschen?
der junge Mann
Wenns geht...
das junge Mädchen
Klar, wenns weiter nichts ist.
der junge Mann
Und wann?
das junge Mädchen
Sag du, mir egal.
der junge Mann
Morgen.
das junge Mädchen
Aber dann am Abend .
der junge Mann
Du hast nichts vor, nein?
das junge Mädchen
Nein, am Abend nicht.
der junge Mann
Gut, dann komm ich.
Die Regisseurin über
ihren Film
Der Film ist der Versuch, das Leben von außen zu betrachten, Distanz
zu gewinnen, nicht einzugreifen, sondern zuzusehen. Ich wollte einen fließenden
Übergang finden vom Leben zum Film und wieder zurück. Die zwei
jungen Frauen im Cafe, zum Beginn, hab' ich tausendfach gesehen, in irgendwelchen
Cafés an irgendwelchen Sommertagen. Jede Situation gibt es tausendfach,
die Familie, die am Flughafen ankommt, die ältere Frau, die allein
im Zug sitzt, die erwachsenen Kinder vor dem Krankenhaus, in dem der Vater
stirbt. Es ist normal. Ich hab' mich gefragt, was passiert, wenn man versucht,
sich an nichts als an die Normalität zu halten...
Angela Schanelec
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